Morgenseiten werden die ersten geschriebenen Seiten des Tages bezeichnet. Diese werden, wie der Name schon verrät, morgens geschrieben und im besten Fall noch bevor man gesprochen oder etwas gelesen hat. Julia Cameron beschreibt in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ sehr detailliert wie diese Morgenseiten auszusehen haben. Sie ist davon überzeugt, dass mit 3 vollgeschrieben A4-Seiten täglich, man in Kontakt mit der eigenen Kreativität kommt, den eigenen Schreibrhythmus findet und man die eigene (Schreib)Stimme findet.
Morgenseiten als ständiger Wegbegleiter
Ich führe mittlerweile seit Jahrzehnten Morgenseiten, und zwar in ganz unterschiedlicher Form. Ich kann Julia Cameron nur recht geben, denn dieses regelmäßige Schreiben hat mit Sicherheit meinen Schreibfluss bestärkt und meinen sogenannten Schreibmuskel trainiert. Ich finde, man kann das Schreiben durchaus mit einer Sportart vergleichen und die Morgenseiten sind das tägliche Stretching, das in den Alltag einfach und schnell integrierbar ist. Ich kann mir die Morgenseiten aus meinem Leben kaum mehr wegdenken. Genau wie der Kaffee am Morgen, gehören auch die Morgenseiten dazu und geben mir dann das Gefühl, gut in den Tag starten zu können.
Wie es mir gelingt, jeden Tag zu schreiben?
Nach diesen vielen Jahren haben die Morgenseiten schon eine fixe Gewohnheit in meinem Leben angenommen, ich stelle sie nicht mehr in Frage, sondern setze mich einfach hin und schreibe. Aber damit mir das auch in jeder Phase meines Lebens gelingt, habe ich sie je nach Möglichkeit adaptiert. Begonnen habe ich mit den strengen drei A4-Seiten, welches eine Zeitlang gut funktioniert hat, aber irgendwann wurde es mir zu viel. Phasenweise bin ich auf eine A4-Seite umgestiegen und dann gab es auch Zeiten, wo es „nur“ eine A6-Seite in der U-Bahn am Weg in die Arbeit wurde. Irgendwann habe ich mir gedacht, es ist egal, wie viel ich schreibe, Hauptsache ich schreibe. Momentan bin ich schon seit mehreren Jahren bei ein bis zwei Moleskin-Seiten (die Quadratförmigen) und ich muss sagen, dass diese wirklich perfekt sind.
Vorteile von Morgenseiten
Das tägliche Schreiben fördert den eigenen Schreibstil und man kommt in einen angenehmen Schreibrhythmus. Es wird zur Gewohnheit und erleichtert dann die Arbeit am individuellen Schreibprojekt. Egal ob es sich dabei um eine wissenschaftliche Arbeit handelt oder ein Fantasy-Roman. Wenn man täglich den Schreibmuskel trainiert und das Schreiben zur Gewohnheit macht, fäll es auch leichter, sich an das eigentliche Schreibprojekt zu setzen. Ähnlich wie mit dem Sport-Beispiel: Wenn man jeden Tag Stretchingübungen macht, fällt es leichter, einen 90-minütigen Pilateskurs in der Woche zu schaffen.
Platz für neue Ideen
Beim Schreiben der Morgenseiten können auch viele neue Ideen entstehen und es ist Platz, seine Sorgen oder wirren Gedanken aufzuschreiben. Ganz im Freewriting-Stil, ist es auch bei den Morgenseiten egal, ob die Rechtschreibung passt oder die Sätze vollständig sind. Niemand außer man selbst liest diese Morgenseiten, wenn überhaupt. Ich lese meine Morgenseiten kaum, da es in erster Linie ein Aufschreiben der Gedanken, Träume oder der Tages-To-Dos ist.
Keine Zeit für Morgenseiten?
Wie bereits erwähnt, habe ich für mich eine Strategie gefunden, wie ich das Schreiben zu meiner täglichen Routine machen kann. Phasenweise sind es dann 3 A4-Seiten oder eine A6-Seite. Ich denke, in erster Linie muss man sich selbst die Frage stellen, ob man es denn wirklich möchte und welchen Nutzen man aus den Morgenseiten ziehen will. Wenn die Schule oder die Familie nur wenig Spielraum zulässt, könnte man auch beginnen am Wochenende zu schreiben oder im Urlaub oder in den Ferien. Wichtig ist, das zu finden, was zu einem passt und zu ignorieren, was andere sagen oder wie viel andere „schaffen“.
In erster Linie sollte es Spaß machen
Zudem sollte das Schreiben und insbesondere das Morgenseiten führen Spaß machen. Wenn es zum Muss wird und man sich jeden Tag erinnern muss und sich damit quält, ist es vielleicht nicht die richtige Methode.
Vor allem für Morgenmuffel könnte diese Methode mitunter schwierig werden. Alternativ könnte man Abendseiten führen und kurz vor dem Schlafen gehen, noch den Tag reflektieren. Dies widerspricht zwar dem Ansatz, den Julia Cameron verfolgt, da in der Früh die Schreibstimme noch „unbefleckt“ ist, aber solange es sich gut anfühlt und Freude bereitet kann es nicht verkehrt sein.
Gerne hinterlasse mir ein Kommentar mit deinen Schreiberfahrungen.

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